Brauchtum zum Ende eines Jahres

Durch die Erfahrung mit dem Wechsel von Tag und Nacht, Sommer und Winter und nicht zuletzt mit Geburt und Tod lernten die Menschen schon sehr früh den Umgang mit dem Begriff „Zeit“. Der Wunsch, dass sich dass Glück bzw. Unglück des Augenblicks mit einem neuen Anfang erhalten oder ändern sollte, führte am Ende einer Periode zu kulturellen Bräuchen, die sich in gewandelten Formen teilweise über Jahrhunderte bis heute erhalten haben. Dabei bot sich das Ende eines Jahres geradezu an. Es wurde jedoch durch die Anwendung verschiedener Kalender in europäische Gesellschaften durchaus unterschiedlich begangen.

Stellvertretend für Bräuche zum Jahreswechsel seien hier „Halloween“, „Weihnachten“, und „Nikolaus“, genannt.

Halloween
ist Brauchtum am Abend des 31. Oktober. Zurückgeführt wird die Überlieferung auf das uralte Fest des keltischen Totengottes Saman (auch Samhain oder Samain, keltisch: “Ende des Sommers”) am 1. November. An diesem Tag sollten die Götter den Menschen ihre außerirdische Welt durch allerlei Streiche erfahrbar machen und sie in Angst und Schrecken versetzen. Nur durch Opfer und Geschenke ließen sie sich besänftigen. Am Vorabend, dem Ende des keltischen sowie später angelsächsischen Jahres, rief Saman Scharen von bösen Geistern, Hexen, Kobolden, schwarze Katzen, Feen und Dämonen herbei, die von den keltische Priestern mit riesigen Feuern auf Anhöhen vertrieben werden sollten. Auch wurde geglaubt, dass an diesem Datum die Geister der Verstorbenen mit Beginn der Dunkelheit ihre irdischen Wohnstätten wieder aufsuchten.

Noch heute ist es in Schottland und Wales Sitte, Halloweenfeuer zu entzünden, und die Vorstellungen von Geistern und Hexen ist dort noch immer lebendig. Die Kelten waren überzeugt davon, dass einzig an diesem Tage der Teufel um Hilfe angerufen werden dürfte, und deshalb die Zukunft in Bezug auf Heirat, Glück, Gesundheit oder Tod erforscht werden könnte. Sie nutzten das Fest, um das Vieh von den Sommerweiden heim zu treiben, sowie um Landpachtverträge zu erneuern. Nach Eroberung Britanniens durch die Römer bereicherten diese Halloween mit Elementen des römischen Erntefestes, zu Ehren der Göttin der Baumfrüchte, Pomona.

835 verlegte Papst Gregor IV. das Kirchenfest “Allerheiligen” zu Ehren der Jungfrau Maria und aller Heiligen auf dieses Datum, das sich in Rom aus dem Fest der Weihe des Pantheons entwickelt hatte. Damit wollte er eines der wichtigsten heidnischen Kultfeste der nordeuropäischen Völker durch ein christliches ersetzen. Die Bräuche am Abend vor diesem Fest wurden jedoch stark von den alten heidnischen beeinflusst und verweltlichten im Laufe von Jahrhunderten. Zum Beispiel versammelten sich in Schottland junge Menschen zu Halloween zu einer Art Spiel, in dem herausgefunden werden sollte, wer, wann, wie und wo im kommenden Jahr heiraten würde. Auswanderer nahmen Halloween mit in die Neue Welt, wo es zu einem Fest für Kinder mutierte und als dieses nach Europa zurückkam.

 

Sinterklaas oder Nikolaus,
ein Fest, das nicht unbedingt das Ende oder den Anfang einer neuen Periode symbolisiert und ursprünglich fast ausschließlich in den Niederlanden gefeiert wurde, basiert wiederum auf einer Legende um den Heiligen Nikolaus von Myra (304 – 345 n. Ch.), christlicher Geistlicher, u. a. Schutzpatron Rußlands und der Kinder, über den es wenig gesicherte Informationen gibt. An seinem Namenstag, dem 6. Dezember stellen heute in vielen Ländern Kinder ihre Stiefel vor die Tür und erwarten von dem Mann mit dem weißen Bart und dem roten Mantel Süßigkeiten oder Geschenke. Der Schlitten mit den Rentieren ist gleichfalls eine amerikanische Erfindung. Alle diese Bräuche und Feste eignen sich im besonderen Maße dazu, seinen Mitmenschen Glück für die kommende Zeit zu wünschen. Dazu benutzen die Bewohner der entwickelten Länder u. a. Glückwunschkarten, die der Fachhandel in großer Auswahl bereithält.

 

Weihnachten
Während des 4. Jahrhunderts n. Chr. avancierte das Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion und vertrieb die alten Kulte zu Ehren des Sonnengottes Sol, dessen Geburtstag am 25. Dezember gefeiert wurde. Dieser Tag wurde von dem damals gebräuchlichen Julianischen Kalender als kürzester Tag des Jahres ausgewiesen. Die Kirche übertrug den Geburtstag des Sol auf Jesus Christus und verband dieses Fest mit den Feierlichkeiten der römischen Saturnalien, den heidnischen Sonnenwendfeiern sowie den skandinavischen Yul-Festen, die am Ende der dunklen Periode immer schon mit großer Freude, mit Festmahlen und Geschenken begangen wurden. Erst im Hochmittelalter kamen die Krippe und besondere Liederdazu. Der geschmückte Baum erst im 16. Jahrhundert n. Chr.

In vielen westlichen Ländern des Mittelalters wurde der 25. Dezember zum ersten Tag des neuen Jahres. Ab dem 13. Jh. setze sich dann der 1. Januar als Jahresbeginn durch. Mit Einführung des Gregorianischen Kalenders 1582 n. Chr. verschob sich Weihnachten bei den Ländern, die den Julianischen Kalender beibehielten auf den 7. Januar. Das Weihnachtsfest im heutigen Sinne mit Lichterbaum entwickelte sich im 19. Jahrhundert. 1868 veröffentlichte Harper's Magazine in den USA erstmals eine Zeichnung von Thomas Nast mit der Figur des Weihnachtsmannes (Santa Claus), die auf den von niederländischen Einwanderern mitgebrachten Sinterklaas zurückgeht.

Günter Garbrecht 2005, Ergänzt 2010